We are international
Donate
TEXT SIZE   
   back

Myelom Merkur - Sommer 2013 - #907
10.22.13

Sommer 2013

Myeloma Today im Gespräch mit Dr. Kazuyuki Shimizu

Bitte erzählen Sie uns mehr über Ihren medizinischen Hintergrund
Ich arbeite bereits seit 40 Jahren auf dem Gebiet des Myeloms. Ich habe eine Methode zur Zählung von Immunglobulin-produzierenden Zellen im peripheren Blut entwickelt, worüber in Blood 1980 und 1982 mehrere Peer-Review-Artikel veröffentlicht wurden. Dies war ein bahnbrechendes Verfahren, da die Quantifizierung monoklonaler Immunglobulin-produzierender Zellen im peripheren Blut ein starker Indikator für die Myelom-Prognose ist und heute unter Anwendung der Durchflusszytometrie durchgeführt wird.

Ich schloss mein Medizinstudium 1972 an der medizinischen Fakultät der Nagoya Universität ab und absolvierte 1977 eine Subspezialisierung in klinischer Immunologie im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York City. Seit meiner Rückkehr nach Japan hatte ich viele verschiedene Positionen inne. Bis 2011 war ich Direktor des Nagoya City Midory General Hospital. Aktuell bin ich Professor für Multimodale Therapie bei Multiplem Myelom an der zahnmedizinischen Fakultät der Aichi Gakuin Universität und Gastprofessor an der medizinischen Fakultät der Fujita Universität für Gesundheit. Ich bin Vorstandsmitglied der Japanischen Gesellschaft für Hämatologie und der Japanischen Gesellschaft für Klinische Hämatologie. Ich bin Mitglied der Myeloma Trialists’ Collaborative Group of MRC (UK) sowie der International Myeloma Working Group (IMWG) der IMF. Seit 2000 bin ich wissenschaftlicher Berater der IMF. Außerdem bin ich Mitglied der wissenschaftlichen Beratungsausschüsse für IMF-Japan und das European Myeloma Network und wissenschaftlicher Direktor der International Myeloma Society. Seit 2008 bin ich Präsident der Japanischen Gesellschaft für Myelom. Ich war Präsident des 14. International Myeloma Workshop (IMW).

Bitte nennen Sie unseren Lesern einige Highlights des letzten IMW.
Der IMW ist eine wichtige alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung, die ganz dem Myelom gewidmet ist. Mehr als 1700 Personen aus 64 Ländern nahmen an diesem Workshop teil, der vom 3.–7. April in Kyoto, Japan, stattfand. Es gab 13 wissenschaftliche Programme, mehr als 130 Vorträge und 448 Posterpräsentationen aus 30 Ländern sowie 5 geförderte per Satellit übertragene Veranstaltungen. Wir haben blühende Kirschbäume in das Konferenzzentrum gebracht, weil unsere Gäste nur wenig Zeit hatten, die Blüten im Freien zu bewundern!

Es gab so viele wichtige Themen, dass ich nur einige wenige kurz ansprechen kann. Die Präsentationen zur gründlichen Überwachung des Ansprechens waren sehr beeindruckend. Aktuell definieren wir ein vollständiges Ansprechen basierend auf Serum- oder Urin-M-Protein. Diese Definition ist jedoch nicht optimal, da damit das Vorliegen einer minimalen Resterkrankung (Minimal Residual Disease, MRD) übersehen werden kann. Dies kann zu verpassten Möglichkeiten zum Intensivieren der Behandlung bei Patienten mit Resterkrankung führen. Andererseits stellt die fortgeführte Behandlung von Patienten ohne MRD eine Übertherapie dar. Deshalb ist die MRD-Bewertung sehr wichtig, da sie entweder das Intensivieren oder Beenden der Behandlung nach sich ziehen kann.

Die Diskussion zur Einheits- vs. risikoabgestimmten Behandlungsstrategie war äußerst fesselnd. Myelom ist eine heterogene Erkrankung, weshalb eine risikoabgestimmte Strategie sinnvoll ist, insbesondere bei Hochrisikopatienten, bei denen die Behandlung am schwierigsten ist. Die Befürworter der Einheitstherapie argumentierten jedoch, dass ihr Ansatz für Standardpatienten und Patienten mit geringem Risiko am besten geeignet sei, insbesondere als Induktionstherapie. Nach der Erstbehandlung kommt für alle Patienten die risikoabgestimmte Strategie ins Spiel. Hochrisikopatienten leiden in der Regel an zytogenetischen Störungen. Bortezomib-basierte Behandlungsschemata sind häufig bei Patienten mit Translokation t(4;14) wirksam. Patienten mit Standardrisiko sprechen in der Regel gut auf Lenalidomid-basierte Kombinationen an. Die Einleitung einer Konsolidierungs-/Erhaltungstherapie sollte auf dem weniger als sehr guten partiellen Ansprechen (Very Good Partial Response, VGPR) auf vorherige Therapien basieren.

Eine weitere interessante Diskussion konzentrierte sich auf frühe vs. verzögerte Stammzelltransplantation. Wir erwarten die abschließenden Ergebnisse einer wichtigen klinischen Studie, die zurzeit in Frankreich und den USA durchgeführt wird, und die dazu beitragen sollten, diese Frage zu beantworten.

Ob asymptomatisches Myelom behandelt werden sollte oder nicht, ist noch immer ein umstrittenes Thema. Die zeitliche Planung der Behandlung für rezidivierende Erkrankungen ist ebenfalls ein wichtiges, zu lösendes Problem. Es besteht ein Unterschied zwischen einem klinischen Rezidiv (Entwicklung von Symptomen gemäß CRAB-Kriterien) und einem biochemischen Rezidiv (Erhöhung des M-Proteins um das Zweifache über zwei Monate). Können wir mit der Behandlung des Patienten warten, bis CRAB-Symptome auftreten oder bis sich die Menge des M-Proteins verdoppelt?

Bei Diskussionen über neue, vor Kurzem in den USA für die Behandlung von Myelom zugelassenen Wirkstoffen, wie zum Beispiel Carfilzomib und Pomalidomid, mussten wir traurigerweise eingestehen, dass diese Arzneimittel unseren Patienten in Japan nicht zur Verfügung stehen. Die Daten sind sehr positiv, dennoch kann es 3–5 Jahre dauern, bevor diese Wirkstoffe in Japan zugelassen werden. Hierzulande bezeichnen wir dies als „Arzneimittel-Verzug“. Thalidomid wurde in Japan endlich im Jahr 2008 eingeführt und Lenalidomid im Jahr 2010 zugelassen, beide sind jedoch nur für rezidivierende Erkrankungen verfügbar! Der einzige neuartige Wirkstoff, den wir in der Erstbehandlung einsetzen können, ist Bortezomib als Monotherapie. Diese Situation ist für Patienten mit resistenter Erkrankung sehr ungünstig, insbesondere wenn immer mehr neuartige Wirkstoffe so vielversprechend sind.

Faszinierende wissenschaftliche Themen beim IMW umfassten Diskussionen zur Hemmung von Proteasom- und Aggresomfunktionen, zu Histon-Deacetylase (HDAC) Inhibitoren, Chaperon- und Co-Chaperon-Inhibitoren und zu den verschiedenen von Myelomzellen zum Überleben genutzten Leitungsbahnen. Als Kombination scheint der Proteasom-Inhibitor plus HDAC-Inhibitor oder Hitzeschockprotein (HSP) Inhibitor die Wirksamkeit neuer Arzneimittel synergistisch zu verstärken. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse der Studie zu Bortezomib plus HDAC- oder HSP-Inhibitoren!

Ich bin sehr optimistisch, dass originelle Ansätze zur Feststellung, Definition und Behandlung von Myelom zu wirksameren gezielten Therapiestrategien für Patienten führen werden. Die beim IMW präsentierte Genom- und Exom-Forschung könnte zu einer verbesserten Fähigkeit zur Identifizierung und Überwachung molekularer Targets eines jeden Myelom-Patienten führen. Wir untersuchen die Behandlungsmöglichkeiten in jedem Stadium des Krankheitsverlaufs. Unser Verständnis von Myelom und dessen intraklonaler Tumorheterogenität nimmt zweifellos zu.

Gab es zusätzlich zum vollen IMW-Programm noch weitere Meetings?
Die IMF unterstützte Meetings der IMWG und des Asiatischen Myelom-Netzwerks (AMN) sowie ein Round-Table-Gespräch zu Pomalidomid und eine interaktive Diskussion zum Vergleich von Myelom-Therapien in Asien mit Therapien in den USA und Europa.

Des Weiteren veranstaltete die IMF-Japan eine von Frau Kyoko Joko geleitete und durch Frau Midori Horinouchi unterstützte Patientenversammlung, an der etwa 130 Patienten teilnahmen. Susie Novis von der IMF gab eine Präsentation zur Kraft der Information, die sehr ermutigend war und von den Patienten äußerst gut aufgenommen wurde. Nach der Vollversammlung aller Patienten wurden diese in Gruppen eingeteilt und jede Gruppe konnte eine IMW-Sitzung beobachten und den Diskussionen der Ärzte zuhören. Ich denke es war für sie wertvoll, den auf dem Gebiet des Myeloms gemachten Fortschritt aus erster Hand zu sehen und zu hören.

Wie würden Sie die nahe Zukunft auf dem Gebiet des Myeloms zusammenfassen?
Ich glaube, dass die Fortschritte in der Myelom-Forschung und der klinischen Versorgung über die nächsten zehn Jahre zu hoch personalisierten Behandlungen für Patienten führen werden. Bis dahin müssen wir aus den uns aktuell verfügbaren Tools das Beste machen und die bereits unternommenen Anstrengungen für eine nahe Zukunft, in der Myelom nicht mehr als eine chronische und schließlich heilbare Erkrankung ist, fortsetzen.  MT

 

 
 

Die Black Swan Research Initiative™ (BSRI™):
Ein spannender Durchbruch bei Myelom

von Brian G.M. Durie, MD

 

Die Black Swan Research Initiative (BSRI), die offiziell im März 2013 ihre Arbeit aufnahm, ist der innovative Ansatz der International Myeloma Foundation, eine Heilung für Myelom zu finden.

Sie ist innovativ, da bis vor Kurzem die auf dem Gebiet Myelom tätige Forschungsgemeinschaft ihre Bemühungen auf den Vergleich einer Behandlung mit einer anderen konzentrierte. Studien wurden durchgeführt, um zu bestimmen, welche Myelom-Behandlungen oder Behandlungskombinationen zu einem vergleichbar besseren Gesamtüberleben führten. Wir waren nicht zuversichtlich, eine Heilung zu finden – wir wollten lediglich nach und nach die Ergebnisse bei Myelom-Patienten verbessern.

Mit der Ankunft neuartiger Myelom-Therapien haben wir jedoch in den vergangenen Jahren erkannt, dass wir der vollständigen Eliminierung der Krankheit immer näher kamen. Einige von uns stellten sich die Frage: Warum betrachten wir Myelom nicht aus einer neuen Perspektive und erstellen einen Plan, es zu heilen?

Diese Frage wurde in einem Brainstorming-Meeting in Amsterdam im Juni 2012 einer kleinen Gruppe von Myelom-Forschern vorgestellt. Dort wurde der Grundstein für die Black Swan Research Initiative gelegt und eine Strategie entworfen: Das Team würde zuverlässige Tests zur Messung der minimalen Resterkrankung (Minimal Residual Disease, MRD) bei Myelom-Patienten entwickeln, und mit diesen Tests als Leitfaden würden wir die Myelom-Therapie verbessern, um eine Heilung zu finden. Diese Tests würden standardisiert und validiert werden, sodass alle Wissenschaftler den gleichen Ansatz verwenden würden.

Ein wichtiger Punkt dabei war, dass die internationalen Wissenschaftler von BSRI mehrere Therapieansätze gleichzeitig testen würden, um festzustellen, welche der vollständigen Eliminierung der Krankheit am nächsten kämen.

Dies ist eine grobe Übersicht – lassen Sie uns nun in die Details der Black Swan Research Initiative eintauchen.

Was ist MRD und warum ist sie wichtig?
MRD ist das Restmyelom, das zurückbleibt, nachdem wir unser Bestes getan haben, um eine Remission zu erreichen. Bis vor Kurzem haben nur wenige Patienten eine hervorragende oder vollständige Remission erreicht, weshalb spezielle Tests für eine präzisere Suche nach MRD nicht erforderlich waren. Nun sind die Auswirkungen neuartiger Kombinationen zusammen mit der Autotransplantation jedoch eindrucksvoll. Patienten erreichen ein immer besseres Ansprechen, was uns zu den folgenden Fragen veranlasste: Sind manche Patienten geheilt? Und wenn bei einigen Patienten keine MRD vorliegt, sollten diese dann als MRD?Zero™ angesehen werden?

Das BSRI-Team erkannte den Bedarf für empfindlichere Tests als zuvor für Myelom verfügbar waren. Derartige Tests können dazu eingesetzt werden, die Behandlung bei ausgewählten Patienten genauer einzustellen, um MRD?Zero zu erreichen – und damit eine mögliche Heilung.

Welche MRD-Tests sind verfügbar und wie können diese verbessert werden?
Das BSRI-Team wird drei Verfahren zum Testen auf MRD bei Myelom-Patienten anwenden. Wir gehen davon aus, dass diese Tests kostengünstig und weitreichend verfügbar sein werden. Diese sind:

Durchflusszytometrie: Eine Möglichkeit nach Myelom zu suchen ist es, unter Anwendung der Durchflusszytometrie Knochenmarkzellen nach restlichen Myelomzellen zu durchsuchen. Knochenmarkzellen werden in eine flüssige Lösung platziert und durchlaufen dann ein Durchflusszytometer, das identifiziert, ob eine am Zähler „vorbeifließende“ Zelle eine Myelomzelle ist oder nicht. Die IMF arbeitet zurzeit mit Experten auf diesem Gebiet zusammen, um ein neues automatisiertes Verfahren zu entwickeln, mit dem es möglich ist, jegliche restlichen Myelomzellen im Knochenmark oder Blut zu finden.

DNA: Eine weitere Möglichkeit zur Messung der MRD ist die Suche nach Myelomzellen auf DNA-Ebene. Auch hier arbeitet die IMF mit Experten zusammen, um eine Standardisierung und Validierung des Tests auf kleinste Mengen an Myelom-DNA im Knochenmark, Blut und/oder in Gewebeproben zu ermöglichen.

PET-/CT-Scanning: Dies ist erforderlich und hilfreich, da kleine Myelomablagerungen außerhalb des Knochenmarks auftreten können, selbst wenn Knochenmarktests negativ ausfallen.

Wenn die Durchflusszytometrie, DNA-Tests und PET-/CT-Scans alle keine Evidenz für Myelom aufweisen, liegt MRD?Zero vor. Die BSRI schlägt „MRD?Zero“ als neue Definition für das Ansprechen über das traditionelle vollständige Ansprechen (Complete Response, CR) hinaus vor.

Die Validierung ist dabei jedoch ein entscheidender Schritt. Sagen negative Testergebnisse (MRD?Zero) wirklich ein langes Myelom-freies Überleben und schließlich eine Heilung voraus? Wir erwarten die Bestätigung dieser Hypothese als eine der ersten Stufen im BSRI-Projekt.

Warum ist MRD?Zero ein wichtiger neuer Endpunkt hinsichtlich des Ansprechens?
Ohne MRD?Zero-Tests tappt man schlichtweg im Dunkeln. Hat die Behandlung ausreichend gut gewirkt? Liegt eine Resterkrankung vor? Gibt es eine mögliche Heilung? Die Möglichkeit, Myelom-Patienten auf MRD?Zero hin zu testen, ist für die Entwicklung neuer und möglicherweise heilender Therapien entscheidend.

Und genau das ist der Sinn und Zweck der BSRI: die Entwicklung neuer heilender Myelom-Therapien. Die Struktur der BSRI ist auf die Verwendung von MRD?Zero-Tests in klinischen Studien ausgelegt, in denen eine Heilung erreicht werden soll.

Die Möglichkeit, auf diese neue und präzise Weise nach einer Heilung zu suchen, ist eindeutig ein großer Schritt nach vorn. Außerdem hoffen wir, dass dies zu einem neuen von der FDA zugelassenen Endpunkt zur Bewertung neuer Myelom-Therapien führen wird. Dies kann zu viel schnelleren und kostengünstigeren Studiendesigns führen.

Stellen Sie sich vor, bereits nach 6 bis 12 Monaten zu wissen, ob MRD?Zero erreicht wurde, anstatt 5 bis 10 Jahre bis zur Bewertung der Ergebnisse warten zu müssen! Dies ist ungemein hilfreich, sowohl im großen Ganzen der Entwicklung neuer Arzneimittel als auch für den einzelnen Patienten. Ein Patient, der MRD?Zero erreicht hat, würde wissen, dass die Zukunft sehr vielversprechend aussieht und dass keine weitere Therapie erforderlich ist.

Warum der Name „Black Swan“ Research Initiative [Schwarzer Schwan Forschungsinitiative]?
Für diesen Namen gibt es zwei Gründe. Zum einen erkannten Forscher nach der Entdeckung schwarzer Schwäne in Australien im Jahr 1697, dass der charakteristische weiße Schwan der nördlichen Hemisphäre in einer Reihe von Formen, Farben und Größen vertreten war. Eine neue Perspektive entwickelte sich. Dies ist der Kern der BSRI: das Betrachten von Myelom aus einer frischen, neuen Perspektive, um einen Plan zur Heilung von Myelom zu entwickeln.

Zum anderen bietet das 2010 erschienene Buch The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable ein Rahmenwerk zur Bewältigung dieses ehrgeizigen Projekts. Die von Autor Nassim Taleb aufgestellte Finanzinvestitionstheorie besagt, dass zur Identifizierung seltener Gelegenheiten ein weites Netz ausgeworfen werden muss, damit als „unwahrscheinlich“ geltende Gelegenheiten und Möglichkeiten mit eingeschlossen werden. Im Kontext von Myelom bedeutet dies die Erstellung einer Strategie, die parallel (gleichzeitig) mehrere Projekte umfasst, wobei Ideen basierend auf den besten Ergebnissen – in diesem Fall die Heilung von Myelom – ausgewählt werden!  MT

 
 

Was ist „klonale Evolution“?

IMF Hotline-Koordinatoren beantworten Ihre Fragen

Was ist „klonale Evolution“? Ich habe diesen Begriff im Titel vieler Artikel und ASH-Präsentationen gesehen. Können Sie erläutern, worum es dabei geht und warum sie für Myelom wichtig ist?
„Klonale Evolution“ ist ein Begriff, der sich auf genetische Veränderungen bezieht, die mit der Zeit in Myelomzellen stattfinden und sowohl zu Mutationen im Originalklon als auch zur Entwicklung neuer Klone führen. Dieses Thema wurde in kürzlich veröffentlichter Fachliteratur zu Myelom häufig aufgegriffen, ist jedoch ein Konzept, das bereits seit Langem besteht. Die ersten Artikel zu klonaler Evolution wurden in den 1970ern und frühen 1980ern veröffentlicht, darunter der 1984 erschienene Leitartikel von Dr. Brian Durie in The British Journal of Hematology mit dem Titel „Is Myeloma Really a Monoclonal Disease?“ (BJE, 1984. 57, 357-363). In seinem Leitartikel schlussfolgert Dr. Durie, dass „obwohl Multiples Melanom scheinbar aus einem Original-Monoklon oder Stammzellen eingeschränkter klonaler Spezifität entsteht, sich abweichende neue Klone entwickeln, was zu einer klonalen Heterogenität (oder Polyklonalität) führt. Polyklonalität ist zum Zeitpunkt der klinischen Erkrankung ein wichtiges Merkmal und muss sowohl in biologischen Studien als auch bei der Entwicklung neuer Therapien in den konzeptionellen Ansatz berücksichtigt werden.“

Warum ist Klonalität ein wichtiges Konzept? Erstens zeigt sie die Komplexität der Erkrankung und die Herausforderungen hinsichtlich ihrer Behandlung. Zweitens werden Wissenschaftler durch ein verbessertes Verständnis darüber, wie und warum Myelom-Klone entstehen, diese komplexe Erkrankung wirksamer behandeln können. Dank der fortwährenden Verbesserung der genetischen Tests für Myelom gewinnen Wissenschaftler ein tiefer greifendes Verständnis über die Biologie dieser Erkrankung und wie diese in der klinischen Praxis am besten bekämpft werden kann.

Zytogenetische und FISH (fluoreszierende In-situ-Hybridisierung) Studien, die Sequenzierung gesamter Genome und das vergleichende genomische Hybridisierungs-Array haben es Wissenschaftlern ermöglicht, die Art der mit der Zeit bei Myelom-Klonen auftretenden genetischen Mutationen besser zu charakterisieren. Daher die Flut neuer Forschung zur Myelom-Klonalität. In einem 2012 in Blood veröffentlichten Leitartikel verfasste Dr. Nizar Bahlis vom Southern Alberta Cancer Research Institute eine umfassende Einleitung zu den drei in dieser Ausgabe (Blood 2. August 2012, Ausgabe 120, Nr. 5) zum Thema „Klonale Evolution bei Myelom“ veröffentlichten Artikeln:

• Keats et al., Clonal competition with alternating dominance in multiple myeloma;

• Egan et al., Whole-genome sequencing of multiple myeloma from diagnosis to plasma cell leukemia reveals genomic initiating events, evolution, and clonal tides; und

• Walker et al., Intraclonal heterogeneity and distinct molecular mechanisms characterize the development of t(4;14) and t(11;14) myeloma.

Myelom entsteht sowohl spontan mit der Zeit als auch als Reaktion auf eine Behandlung. Für einen Onkologen ist Myelom ein listiger Gegner – ein bewegliches Ziel. Keats und Forscherkollegen von der Mayo Clinic (Scottsdale, AZ, USA) nutzten die Serien-Genomanalyse, um 28 Patienten über ihren gesamten Krankheitsverlauf hinweg zu beobachten, und analysierten die Daten eines Hochrisikopatienten, von dem an 7 Zeitpunkten Proben genommen wurden. Sie stellten fest, dass die schlechte Prognose für Hochrisikopatienten zumindest teilweise mit der erhöhten klonalen Heterogenität und genomischen Instabilität der Melanome dieser Patienten in Verbindung steht. Diese sorgfältige Analyse ersetzt das ältere Dogma, dass sich Myelomzellen linear entwickeln. Heute wissen wir, dass sich ihre Evolution mit der Zeit verzweigt und verändert. Dr. Bahlis schlussfolgert, dass das Vorliegen klonaler Heterogenität zum Zeitpunkt der Diagnose dafür spricht, eine „Kombinationstherapie statt Sequenztherapien mit einem einzelnen Wirkstoff anzuwenden, mit dem Ziel, sowohl dominante als auch rezessive Klone auszumerzen, die während eines Rezidivs häufig auftreten“, sowie dafür, „diesen Ansatz insbesondere bei Hochrisiko-Melanom anzuwenden, bei dem klonale Diversität häufiger auftritt als bei Erkrankungen mit niedrigem Risiko“.

Dr. Bahlis wirft weitere wichtige Fragen auf, die uns dazu veranlassen, die Behandlungsansätze zu überdenken:

• Ist es naiv, eine klonal vielfältige Erkrankung mit einer stark zielgerichteten Therapie zu behandeln?

• Stellen alkylierende Wirkstoffe (die Arzneimittelklasse, zu der Melphalan, Cyclophosphamid und Bendamustin gehören), die durch DNA-Schädigung wirken, insbesondere für Hochrisikopatienten ein Risiko dar, deren Myelom ohnehin anfällig für klonale Divergenz ist?

• Wenn sich Myelom-Klone mit der Zeit verändern, ist es dann nicht möglich und potenziell nützlich, Therapien, auf die ein Patient zuvor im Krankheitsverlauf nicht angesprochen hat, erneut einzuleiten?

Die Antworten auf diese und andere Fragen sind nun greifbar, da wir die Eigenschaften der klonalen Evolution bei Myelom weiter untersuchen und verstehen. Die aktuellen Studien und Konzepte der klonalen Evolution bieten einen Hintergrund für die neue Black Swan Research Initiative™ (BSRI) der IMF. Diese Initiative konzentriert sich darauf, das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen einer Resterkrankung nach einer bestimmten Therapie (Minimal Residual Disease, MRD) zu ermitteln, dann die Therapie basierend auf den Ergebnissen auszurichten, um MRD?Zero™ zu erreichen (in sehr empfindlichen Tests wird keine Resterkrankung nachgewiesen), und daraufhin zu validieren, dass dies tatsächlich dem Erreichen einer Heilung bei Untergruppen von Patienten mit Myelom entspricht.  MT



Anmerkung des Verfassers: Besuchen Sie die Webseite myeloma.org, um auf die besten und aktuellsten Informationen zum Thema Myelom zuzugreifen. Mit Fragen oder Bedenken zu Ihrem Myelom wenden Sie sich bitte an die IMF-Hotline. Die IMF-Hotline ist in den USA und in Kanada unter der Nummer 800-452-CURE (2873) erreichbar, aus dem Ausland unter 818-487-7455. Hier werden Anrufer von fürsorglichen und mitfühlenden Menschen mit hochqualitativen Informationen versorgt. Die Hotline-Mitarbeiter sind Debbie Birns, Paul Hewitt, Missy Klepetar und Judy Webb. Anrufe werden von Montag bis Freitag von 09.00 bis 16.00 Uhr angenommen. (Pacific Standard Time, UTC-8) entgegengenommen. Sie können Ihre Fragen auch online einreichen. Verwenden Sie dazu bitte die E-Mail-Adresse: hotline@myeloma.org. 

 

 


 related articles