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Der Myelom Merkur wird 9x /Jahr veröffentlicht werden und ist kostenlos verfügbar durch eine Registrierung bei merkur@myeloma.org.


5. Ausgabe, August 2007

Ein wichtiger Mann, von dem Sie noch nie etwas gehört haben

In den nächsten Absätzen möchten wir von einem wichtigen Mann (und Patienten) erzählen, von dem Sie sicher noch nie gehört haben: Michael Katz. Michael ist der Vize-Vorsitzende der IMF und Myelompatient seit 17 Jahren. In den nächsten Zeilen werden wir versuchen, zumindest einige der wichtigen Rollen zu beschreiben, die Michael für die Myelompatienten gespielt hat. Zunächst ist er verantwortlich für die IMF Webseite. Er führt auch die Internet Myeloma List Serv, ein Forum, an dem mehr als 3000 Patienten und Angehörige weltweit beteiligt sind. In den Video Interviews vom ASH Meeting ist unter anderen auch Michael zu sehen. Er war der Direktor des ersten Patienten-Beratungskomitees des U.S. National Cancer Institute. Zwei andere Ereignisse in der jüngsten Vergangenheit haben aber wirklich gezeigt, wie wichtig er nicht nur für die Patienten, sondern für deren Sache an sich ist.

Viele von Ihnen werden schon von der Problematik der Osteonekrose des Kiefers gehört haben, aber wenige werden wissen, dass Michael einer der ersten war, die auf dieses Problem hingewiesen haben, und zwar nach Analyse von Patientendiskussionen in seiner Funktion als Webmaster der Myeloma List Serv. Hier wurden zuerst gehäufte Zahn- und Kieferprobleme von Myelompatienten auffällig. Michael, Dr. Brian Durie und der Statistiker John Crowley waren die Autoren des ersten Fachberichtes, der auf dieses Problem aufmerksam machte.

Etwa vor einem Jahr organisierte Michael eine Konferenz mit Teilnahme von führenden Mitgliedern der IMF Patientengruppen und Myelomspezialisten der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG), einer wichtigen Studiengruppe in den US. Es war Michaels Vorschlag, dass Ärzte in den Studien den Einsatz von niedrig-dosiertem Dexamethason in Kombination mit Lenalidomid versuchen und die Ergebnisse mit denen vergleichen sollten, die mit hochdosiertem Dexamethason in gleicher Kombination erreicht werden. Der Studienführer, Dr. Vincent Rajkumar von der Mayo Klinik, kündigte Anfang dieses Jahres an, dass der Arm mit hochdosiertem Dexamethason vor der Schließung steht, weil mit der niedrigen Dosis die besten Einjahres-Überlebensdaten erzielt werden konnten, die bis dato in einer größeren Studie gesehen wurden.

Aber der wichtigste Punkt, Michael Katz kennen zu lernen, liegt darin, zu verstehen, wie positiv der Einfluss eines einzelnen Patienten auf die Myelom- Patientengemeinschaft sein kann. Ein wichtiger Grund für die IMF in Europa aktiv zu werden besteht darin, dass eine neue Generation von führenden Mitgliedern gewonnen werden soll, die auf der wissenschaftlichen und medizinischen Ebene wie auch in der Patientengemeinschaft aktiv sind. Das Ziel ist, zumindest einen Michael Katz für jedes Land zu haben, und die IMF will helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Publikationen

Viele von Ihnen haben die IMF Patienten Unterlagen angefordert. Diese werden derzeit auf den letzten Stand gebracht und wir hoffen, die Aussendung Anfang Oktober vornehmen zu können. Die englischsprachige Version ist über unsere Webseite abrufbar. Die Aussendung der angeforderten Unterlagen wird unmittelbar nach der Drucklegung erfolgen.

Neue Adresse

Mit dem 1. Sept. 2007 gilt die neue Büroadresse in Würzburg. Von hier werden auch die deutschsprachigen Patientenunterlagen ausgeliefert:

IMF Europa
Kroatengasse 12
97070 Würzburg

Sie können an die obige Adresse schreiben oder sich per mail direkt an mich wenden (greg.brozeit@sbcglobal.net), falls Sie Bedarf an IMF Patientenunterlagen haben.

Patiententreffen

Die IMF ist an den Heidelberger Myelom-Tagen vom 26-27. Oktober 2007 beteiligt. Außerdem wird die IMF an den Patiententreffen im Oktober und November teilnehmen, wo auch Dr. Robert Kyle von der Mayo Klinik erwartet wird. Mehr Information entnehmen Sie bitte der nächsten Ausgabe des Merkur.


Die Patientin Roselinde Wirth aus Landau (vorne) mit dem ersten Rezept für Lenalidomid mit
Dr. Ulrike Klein und Professor Dr. Hartmut Goldschmidt

Europapremiere in Heidelberg: Neues Medikament bei Knochenmarkkrebs

Erstes Rezept an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg ausgestellt
/ Internationale klinische Studien zeigen Vorteile des neuen Wirkstoffs
gegenüber herkömmlicher Therapie

Das europaweit erste Rezept für ein neues Medikament zur Behandlung des Knochenmarkkrebses Multiples Myelom wurde jetzt am Universitätsklinikum
Heidelberg ausgestellt. Die Europäische Agentur für Medizinprodukte (EMEA)
hatte den viel versprechenden Wirkstoff Lenalidomid unter dem Handelsnamen
REVLIMID(r) (Firma Celgene GmbH, München) am 19. Juni 2007 zur Therapie des
Multiplen Myeloms zugelassen.

Demnach darf Lenalidomid in Kombination mit dem Cortisonpräparat
Dexamethason bei Patienten mit Multiplem Myelom eingesetzt werden, die
mindestens eine Vortherapie erhalten haben. Vorausgegangen waren zwei große
internationale klinische Studien zu Wirksamkeit und Sicherheit, an denen die
Medizinische Universitätsklinik Heidelberg als größte deutsche
Behandlungseinrichtung maßgeblich beteiligt war.

Heidelberger Patientin geht es bereits besser

Bereits im Vorfeld der offiziellen Zulassung konnte die Heidelberger
Patientin Roselinde Wirth aus Landau von Lenalidomid profitieren. Ein
individuelles Abkommen mit der Krankenkasse – ein Verfahren, das bei
schweren Krebserkrankungen anwendbar ist - machte die Einnahme der Tabletten
seit Januar möglich, streng überwacht durch die Ärzte. „Ich habe sehr darum
gekämpft, das neue Medikament bereits vor der Zulassung zu bekommen“, sagt
die 58jährige, die seit 1999 in der Medizinischen Universitätsklinik betreut
wird.

Weihnachten 2006 ging es der dreifachen Mutter und Oma eines Enkelkindes
sehr schlecht. Etablierte Behandlungsformen mit Cortisonpräparaten,
Chemotherapie, Bestrahlung und Transplantation von Blutstammzellen hatte sie
bereits hinter sich. „Ich dachte, das war’s jetzt“, erinnert sich Roselinde
Wirth. Doch das neue Medikament zeigte Wirkung, die Blutwerte normalisierten
sich. „Seit ich Lenalidomid nehme, geht es mir viel besser. Ich kann wieder
aktiv sein, lange Spaziergänge machen. Ich verspüre auch keine
Nebenwirkungen.“

Abkömmling des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid

Lenalidomid - ein Abkömmling des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid, der seit
einigen Jahren erfolgreich beim Multiplen Myelom eingesetzt wird - zählt zu
den so genannten „immunmodulatorischen Substanzen“. Das Medikament hat eine
komplexe Wirkung auf das Immunsystem, wirkt toxisch auf Krebszellen und
hemmt die Ausbildung von Blutgefäßen, die wiederum die bösartige
Zellwucherung im Knochenmark begünstigen. Die in den Studien beobachteten
Nebenwirkungen wie Beeinträchtigung der Blutbildung, Darmverstopfung und
tiefe Venenthrombosen erwiesen sich als gut beherrschbar.

Dennoch müssen bei der Anwendung von Lenalidomid wichtige Aspekte beachtet
werden. Weil nicht bekannt ist, ob die Substanz fruchtschädigend wirkt,
gehört ein Schwangerschaftsverhütungsprogramm für gebärfähige Frauen und
deren Partner sowie für Männer dazu. Wöchentliche Blutbildkontrollen sind in
den ersten acht Behandlungswochen erforderlich. Auch eine
Thromboseprophylaxe sowie eine Dosisreduktion bei Niereninsuffizienz sind
nötig. Das Medikament darf zudem nicht an Dritte weitergereicht werden;
nicht verbrauchte Kapseln sind an den Apotheker zurückzugeben. (Pressemitteilung)


Internationale Vereinigungen
UPDATES AUS EUROPA
Europäische Myelom-Plattform

"Patienten für Patienten" lautet das Motto der Europäischen Myelom-Plattform (EMP), eine
Dachorganisation von Unterstützungsgruppen. Die EMP ist die einzige paneuropäische Patientenorganisation, die von Patienten und Familienmitgliedern betrieben wird. Die Mitgliedschaft ist frei und alle Myelompatientengruppen in Europa werden ermutigt mitzumachen, um die Stimmen der Myelompatienten laut werden zu lassen in der europäischen gesundheitspolitischen Debatte. Die EMP beschäftigt sich mit Fragen zu folgenden Themen:

  • Zugang zu Behandlung und Medikation
  • Zugang zur Information über neue und laufende Studien
  • Anregung und Unterstützung der Forschung an neuen Methoden der Behandlung und der Medikation und
  • Austausch von Informationen zwischen den europäischen Myelompatienten-Vereinigungen

Die EMP wird von der European Medicines Agency (EMEA, das europäische Gegenstück zur FDA) als Repräsentant der europäischen Myelompatienten anerkannt. Die EMP hat die Interessen von Myelompatienten vertreten, um die Genehmigung von Revlimid® in der Europäischen Union durchzusetzen. In Zukunft wird die EMP an der Evaluierung des European Public Assessment Reports (EPAR) teilnehmen, um die Patientenperspektive bei zukünftigen politischen Initiativen zu vertreten. Die EMP ist die einzige Blut-und Knochenmark-Krebsgruppe, die in diesen Tätigkeitsbereich eingebunden ist, initiiert von der EMEA, um Patienten beim richtigen Medikamentengebrauch zu helfen.
Hauptsächlicher Tätigkeitsbereich der EMP sind:

  • Zusammenarbeit mit relevanten europäischen und internationalen Organisationen
  • Repräsentanz in relevanten europäischen politischen und gesundheitsvorsorglichen Organisationen
  • Organisation von Symposien, Workshops und anderen Meetings und
  • webbasierte Verbreitung von Informationen

Die EMP wurde im Februar 2006 gegründet als Folge der Initiative von Myelompatienten aus Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz. Später weitete sich die EMP aus, um Gruppen von Myelompatienten aus Deutschland und Schottland aufzunehmen. Die EMP ist Mitglied der European Cancer Patient Coalition (ECPC) und der European Organization for Rare Diseases (EURORDIS). Die EMP arbeitet in Kooperation mit der IMF, die die EMP mit Startup-Hilfe versorgte. Politisch und finanziell unabhängig, ist die EMP als Nonprofitorganisation nach belgischem Gesetz registriert. Für mehr Information besuchen Sie bitte www.european-myeloma-platform.org


Michael KatzProfil der Direktoren
MYELOMA TODAY IM GESPRÄCH MIT MICHAEL KATZ

 

Wie wurde bei Ihnen die Diagnose Myelom gestellt?

1989 traten bei mir die ersten Symptome des Myeloms auf. Nach neun Monaten Fehldiagnosen fanden Ärzte ein grapefruitgroßes Plasmozytom, das die rückwärtige Beckenwand durchbrochen hatte. Ein Chirurg entfernte den Tumor und ersetzte den beschädigten Knochen durch ein Transplantat aus einer Knochenbank. Nach einer Bestrahlungsbehandlung und einer einjährigen physikalischen Therapie war ich weitgehend wiederhergestellt.

Waren Sie damals überzeugt, alles überstanden zu haben?

Man hat es mir nicht gesagt und ich habe auch nicht begriffen, dass ich an einer unheilbaren Krankheit leide. 1991 sind dann Mikrofrakturen oberhalb des Hüftgelenks aufgetreten. Eine weiter Biopsie war notwendig, nach der ich zum ersten Mal die Diagnose "Multiples Myelom" zu hören bekam. Die IMF existierte damals noch nicht.

Es gab kein Internet. Ich brauchte sechs Monate, um einen anderen Patienten mit Myelom ausfindig zu machen. Der Mann war sonst keine große Hilfe, aber er erwähnte ein Buch , "Going for the Cure", verfasst von Francesca Thompson, einer Myelompatientin und orthopädischen Chirurgin. Ich schrieb ihr einen Brief und befragte sie darin über die Knochenprobleme, die ich hatte. Sie rief mich an und wir sprachen über eine Stunde miteinander.

Wie sind Sie mit der IMF in Kontakt gekommen?

Francesca erzählte mir über einen Arzt in England namens Brian Durie, worauf ich meine Vielflieger-Meilen nutzte, um nach London zu fliegen. Nachdem wir die medizinischen Punkte abgehandelt hatten, erzählte mir Dr.Durie über die IMF und stellte eine Verbindung zu ihrem Co-Gründer Brian Novis her. 1993 flog ich nach Los Angeles, um am ersten IMF Patient&Family Seminar teilzunehmen.

Ich begann als Freiwilliger bei der IMF zu helfen, indem ich eine Computer Datenbank
aufbaute, die Website installierte und das erste Patientenhandbuch schrieb. Patientenkollegin June Brazil und ich gründeten das Multiple Myeloma ListServ, das ein Onlineforum für Patienten und Betreuer zur Verfügung stellt. Mehr und mehr in die Foundation eingebunden, wurde ich Mitglied des Aufsichtsrats und kam dann in den Vorstand.

Erzählen Sie uns bitte über Ihren Entschluss, Ihre Diagnose geheimzuhalten.

Ich war 37 Jahre alt, meine Söhne 7, 9 und 12. Während die Diagnose vernichtend klang, erwies sich die Prognose dann aber sogar schon zu dieser Zeit als ziemlich gut und es schien nwahrscheinlich, dass ich bald sterben würde. Meine Frau und ich entschieden uns zu versuchen, ein möglichst normales Leben zu führen. Wir beschlossen unserer Familie, unseren Freunden und Geschäftspartnern nichts zu erzählen. Wir erzählten auch unseren Kindern nichts, weil kein Grund bestand, sie mit Gedanken über Erkrankung und Tod ihrer Eltern zu belasten. Die erwies sich über 10 Jahre lang als Winning Strategy.

Wieso hat sich Ihre Strategie geändert?

Während der ersten 10 Jahre nach der Diagnose war es möglich, die Krankheit mit einer Vielzahl von Behandlungen unter Kontrolle zu halten. Im 10. Jahr bildete sich ein Tumor an der Schädelbasis. Ich hatte schreckliche Schmerzen. Es war augenfällig für meine Söhne, dass etwas überhaupt nicht in Ordnung war. Damals waren sie 17, 20 und 23. Sie hatten Anspruch auf eine Erklärung und waren alt genug, damit umgehen zu können. Die Tatsache, dass ich schon 10 Jahre lang ein Myelom hatte, half ihnen, die Dinge zu relativieren. Sie verstanden, dass es etwas war, das ich erfolgreich bekämpfen konnte.

Haben Sie die Diagnose jemandem außerhalb der Familie mitgeteilt?

Durch das Leiden am Schädeltumor ist die Krankheit bei meinem Arbeitgeber, einer globalen Beratungsfirma bekannt geworden. Eines Morgens bekam ich einen Anruf von unserem Vorsitzenden. Er teilte mir mit, ich sei Kandidat für einen Sitz im Aufsichtsrat, aber unmittelbar vor der Wahl habe jemand über meine Krankheit gesprochen. Er frage nun nach, ob die Information richtig sei und ob ich in der Lage sei zu amtieren, falls ich gewählt werde. Ich versicherte, dass ich zwar ein Myelom habe, aber mich gut fühle, ein volles Pensum bei meinen Klienten leiste und zuversichtlich sei, dass ich amtieren könne. Ich wurde in den Aufsichtsrat gewählt.

Verdienstvollerweise hat der Vorsitzende den Anruf getätigt, statt einfach im voraus anzunehmen, dass eine Person, die mit Krebs lebt, keine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen kann.

Erzählen Sie bitte, wie Sie sich in der Myelom Community außerhalb der
IMF engagieren. 

Neben der ListServ betreibe ich zwei In-Person Myelom Patientengruppen. Ich amtiere als Patientenberater bei der FDA . Ich war Gründungsmitglied und später Vorsitzender bei der NCI Director's Consumer Liaison Group. Ich bin Co-Vorsitzender des Patient Representative Komittees bei der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG), die großangelegte staatliche klinische
Studien leitet. Weiters arbeite ich auch für die Clinical Trials Working Group des National Cancer Advisory Boards.

Wie sehen Sie Ihre Zukunftsaussichten?

Das Myelom ist eine schreckliche Krankheit, aber ich versuche mein Leben so zu leben, als hätte ich sie nicht. Ich habe einer starke Bindung zu meiner Familie, zu meinen Kindern. Ich liebe die Oper. Ich bin aktiv in meiner Synagoge und habe als ihr Präsident fungiert. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Managementberater, ich reise oft, sowohl geschäftlich als zum Vergnügen.
Mag das Gehen auch manchmal schmerzen, ich stehe das durch. Es war nicht immer leicht, aber frohen Mutes zu sein kann zur guten Gewohnheit werden.

Die Hilfe, die ich von Francesca Thompson, Brian Durie, Susie Novis, Brian Novis, Bob Kyle und anderen erhalten habe, hat es mir ermöglicht, ein Leben so zu führen, wie ich es jetzt lebe. Ich fühle die Verpflichtung, anderen zu helfen, deshalb widme ich eine Menge Zeit und Energie der IMF und der Myelom Community im allgemeinen.

In den Jahren seit meiner Diagnose hat sich die Myelom-Behandlung gewaltig verändert und die IMF hat darin eine instrumentelle Rolle gespielt. Von Jahr zu Jahr sind mehr und bessere Behandlungsoptionen verfügbar, um mit dem Myelom fertig zu werden. Und die große Anzahl von Hilfsangeboten durch die IMF unterstützt die Patientengemeinschaft auf eine Art, die ich mir nicht träumen hätte lassen, als die Diagnose bei mir gestellt wurde. Ich bin sehr stolz, dass ich zur Internationalen Myeloma Foundation gehöre.


Unterstützende Betreuung
WAS MAN TUN KANN, UM EIN "GUTER" PATIENT ZU SEIN
von Michael Katz

Ich habe die letzten 16 Jahre daran gearbeitet, ein "guter" Patient zu sein, aber möglicherweise wird es weitere 16 Jahre dauern, um es richtig zu machen. Hier sind einige  Gedanken über ein Leben als "guter" Patient.

Seien Sie nicht zu "gut". Mae West sagte: "Wenn ich gut bin, bin ich sehr gut. Aber wenn ich böse bin, bin ich besser." Dies lässt sich für Myelompatienten anwenden. "Allzu gut" sein kann Sie töten. Keine zweite Meinung einzuholen, weil Sie Angst haben, den Arzt zu kränken, nicht die Schwester zu fragen, was in der Infusion drinnen ist, nicht darüber zu sprechen, wie schlecht Sie sich fühlen, "nein" als Antwort zu akzeptieren, wenn sie ein "ja" nötig haben (zu Ihrer Anfrage zu Versicherungsgenehmigungen, Anordnungen, Filmkopien, Berichten etc.), das kann ernste Konsequenzen haben. Mit einem Myelom brauchen Sie nicht nett zu sein. Und wissen Sie was? Manchmal macht es Spaß, ein bisschen böse zu sein.

Seien Sie lieb zu sich selbst. Und gefühlvoll. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, riesige Mengen von Vitaminen hinunterzuwürgen oder Vegetarier zu werden. Es ist schon in Ordnung, dass sie verstört sind, aber behalten Sie einen klaren Kopf und seien Sie sich bewusst, dass vernünftige Dinge getan werden können, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Versuchen Sie sich ein paar Fertigkeiten anzulernen, um Ihren Stress besser bewältigen zu können. Traktieren Sie Ihren Körper nicht mit Alkohol, Schlafmangel und anderen schlechten Gewohnheiten. Lassen Sie den gesunden Menschenverstand Ihren Alltag bestimmen.

Seien Sie viel zu beschäftigt, um krank zu sein. Die Symptome und Nebenwirkungen können scheußlich sein, wenn Sie also wirklich zu krank sind, um es durchzustehen, holen Sie sich einfach Hilfe und rasten Sie, bis Sie sich besser fühlen. Aber schwenken Sie nicht zu früh die weiße Fahne, denn wenn Sie als Kranker handeln, werden Sie sich auch krank fühlen. Wenn Sie als Gesunder auftreten, überraschen Sie möglicherweise nicht nur Ihre Mitmenschen, sondern auch sich selbst. Lassen Sie das Myelom nicht Ihr Leben bestimmen.

Lassen Sie nicht zu, dass das Myelom Sie schleichend befällt. Es steht Ihnen eine unglaubliche Vielfalt diagnostischer Tests zur Verfügung, damit Sie kommende Schwierigkeiten voraussehen können. Das ist deswegen eine komplizierte Angelegenheit, weil man so vielen Dingen auf der Spur sein muss. Weil Menschen so sehr verschieden voneinander sein können, ist es wichtig für jeden Patienten den besten Test zu finden. Auch ist es wichtig, ein scharfes Auge auf die Organe zu haben, die von dieser Erkrankung beeinträchtigt werden können, wie die Knochen und die Nieren. Arbeiten Sie mit Ihrem Arzt daran herauszufinden, welche Tests Sie brauchen und warum, dann lassen Sie sie durchführen und gehen den Ergebnissen nach. Tests beantworten kritische Fragen über den Status der Erkrankung und helfen, schleichende Attacken zu erfassen.  Es ist immer gut, sich Kopien Ihrer Testergebnisse zu besorgen, einschließlich Laborbefunde (Blut und Urin), Befunde der Radiologie (Röntgenbilder) und der Pathologie (Biopsien). Sie haben Anspruch darauf und die Befunde sind nicht allzu schwer zu lesen - schauen Sie einfach auf die Zusammenfassung und auf das was als anomal markiert ist. Ihr Arzt sollte Ihnen die Ergebnisse erklären und alles besprechen, was Sie auf Grund Ihrer Ergebnisse zu tun haben. Sie können die Testergebnisse auch zu Ihrer Support-Gruppe bringen, besuchen Sie www.labtest-sonline.org für zusätzliche Informationen oder holen Sie sich über die IMF-Hotline 800-452-2873 Hilfe.

Organisieren Sie sich. Stellen Sie Ordner mit Ihren Ergebnisberichten zusammen, die ohne Zweifel über die Jahre anwachsen werden. Tabellen und Graphiken werden Ihnen und Ihrem Arzt hilfreich sein, den Krankheitsverlauf zu beobachten und zu kontrollieren. „Flow-sheets“ sind Tabellen, die einen oder mehrere Tests mit Ergebnissen über eine Zeitspanne auflisten, eine Zeile oder eine Spalte für jeden Termin. Viele Krebszentren können für Sie Flow-sheets über ihr Computersystem ausdrucken - fragen Sie einfach danach. Oder legen Sie einen eigenen Bericht über Ihren Krankheitsverlauf an - auf Papier oder auf einem Computer-Formblatt.

Zum Abschluss möchte ich noch festhalten, dass das Myelom für die ganze Familie eine enorme Belastung darstellt, darum gehen Sie bitte liebevoll mit den Menschen um, von denen Sie geliebt werden. Wenn es uns glückt , uns gut zu fühlen als Patienten, ist es schließlich wichtig, dass wir nicht darauf vergessen, zu unseren Mitpatienten gut zu sein.


Dr. DimopoulosProfil der wissenschaftlichen Berater
MYELOMA TODAY IM GESPRÄCH MIT PROF. MELETIOS DIMOPOULOS

 

Erzählen Sie uns bitte etwas über ihren Lebenslauf und Ihre medizinische Ausbildung.

Geboren wurde ich in Frankreich, aufgewachsen aber bin ich in Griechenland. Meinen Doktortitel erhielt ich auf der medizinischen Fakultät der Universität von Athen, machte die Interne am V.A. Allgemeinen Krankenhaus in Athen und vervollständigte meine Fachausbildung in Kanada am Royal Victoria Hospital, McGill University. 1988 ging es weiter mit einer Spezialisierung in Hämatologie/Onkologie am M.D. Anderson Cancer Center in Texas. Dort arbeitete ich mit einer sehr wichtigen Persönlichkeit auf dem Fachgebiet des Myeloms, mit Dr. Raymond Alexanian, zusammen. Zu seinen zahlreichen Errungenschaften zählt es, dass er 1968 einer der ersten Ärzte war, der eine wirksame Myelombehandlung beschrieben hat, eine Kombination von  Melphalan und Prednison. Ich wurde durch seinen Eifer angespornt und so begann ich an klinischer Forschung auf diesem Gebiet teilzunehmen. Gegenwärtig bin ich Professor und Vorsitzender am Department of Clinical Therapeutics an der medizinischen Fakultät der Universität von Athen.

Wie sind Sie zur IMF gestoßen?

Ich bin dem wissenschaftlichen Beirat der IMF 1992 beigetreten, kurz nachdem diese
innovative Vereinigung gegründet wurde. Von Anfang an hat die IMF den Ärzten die wichtige Möglichkeit des Meinungsaustausches geboten - neben der Unterstützung der Myelompatienten mit Beistand und Aufklärung. Über die Jahre die dann folgten, unter der
Leitung von den Drs. Brian Durie und Robert Kyle, hat die IMF sehr viel erreicht; eine der
neuesten Errungenschaften sind die jüngst veröffentlichten neuen Ansprechkriterien, die nunmehr weltweit Akzeptanz finden und eingesetzt werden, natürlich auch an unserem Zentrum in Athen.

Was steht gegenwärtig im Brennpunkt Ihrer Forschung?

Ich bin aktiv eingebunden in mehrere klinische Studien, die den besten Einsatz
von Substanzen bei der relapsierten/refraktären Erkrankung erforschen. Ich forsche auch an der Wirksamkeit von neuen Substanzen für den Knochenstoffwechsel. Mein Zentrum ist
intensiv tätig im Bereich der autologen Transplantation beim Myelom und daher untersuche
ich auch die Rolle neuer Wirkstoffe vor und nach Hochdosis-Therapie und forsche nach neuen Mitteln für die Behandlung von Amyloidose.

Wie hat die Entwicklung neuer Substanzen die Behandlung des Myeloms
verändert?

Seit 1999, als Dr. Barlogies Gruppe über signifikante Wirksamkeit von Thalidomid
bei Patienten mit relapsiertem/refraktärem Myelom berichtete, haben wir stetige
wichtige Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht. Es gibt jetzt drei neue Substanzen,
die wir einsetzen können, um unseren Patienten zu helfen, und in den nächsten paar
Jahren erwarten wir einen Ausbau unseres Behandlungsarsenals mit zusätzlichen
Wirkstoffen.
Mehrere spannende klinische Studien in Frühphase sind an den großen Myelomzentren
weltweit im  Laufen. Wir in der Wissenschaftsgemeinde teilen die Meinung, dass sich
das Überleben von Myelompatienten verbessert hat und wir bewegen uns in einem Prozess der Wandlung des Myeloms von einer unheilbaren Erkrankung zu einem chronischen Zustand.

Haben die neuen Wirkstoffe die Rolle der Transplantation beim Myelom verändert?

Die autologe Transplantation spielt beim Myelom eine signifikante und wichtige Rolle, zumindest für die Patienten, die jünger sind als 70 Jahre. Ich glaube, dass die Transplantation eine Behandlungsmethode mit vielen Vorteilen ist. Die neuen Wirkstoffe
können die Zahl der Patienten steigen lassen, bei denen ein initiales Ansprechen erreicht wird und die dann mit der Hochdosis-Therapie weiterbehandelt werden können. Etliche Studien zeigen auf, dass Thalidomid ein wichtiges Agens nach der autologen Transplantation ist. Andere Studien untersuchen andere neue Substanzen in einem ähnlichen Einsatzgebiet. Meiner Meinung nach ist es derzeit nicht denkbar, die Hochdosis-Therapie aufzugeben. Stattdessen müssen wir weiterforschen, wie neue Wirkstoffe am besten vor und nach Transplantationen einzusetzen sind.

Was können Sie uns als Präsident des Organisationskomitees des XIth International
Myeloma Workshops über dieses Meeting erzählen?

Der XIth International Myeloma Workshop (IMW) wird in Kos, Griechenland vom
25. bis 30. Juni 2007 abgehalten. Der IVth International Workshop  über
Waldenstrom's Macroglobulinämie wird direkt an den Myelomworkshop anschließen.
Die schöne Insel Kos ist Heimat des Hippokrates, des antiken griechischen Arztes,
der "Vater der Medizin" genannt wird. Die Ortswahl muss wohl als ideal angesehen
werden, gibt sie doch den Anwesenden die Möglichkeit, in einer angenehmen und
entspannten Atmosphäre am intensiven wissenschaftlichen Programm teilzunehmen,
Ideen, Meinungen und Unterlagen zur Myelombehandlung auszutauschen.

In Anbetracht der Entwicklungen auf dem Gebiet des Myeloms seit dem letzten IMW im Jahr 2005-wie wird sich der Kos Workshop diesen Forschritten widmen?

Unser wissenschaftlicher Beirat, ein Forum von weltbekannten Experten auf diesem
Gebiet, hat ein wissenschaftliches Programm geplant, das sich auf die jüngsten
Fortschritte in der Genetik, der Pathophysiologie, der Diagnose und Behandlung des
Myeloms konzentriert. Es sind 75 Redner eingeladen und es stehen 25 mündliche
Präsentationen auf dem Programm. Dazu stellt der Workshop Posterpräsentationen vor, ausgewählt von mehr als 500 Antragstellern, die höchste Zahl in der Geschichte des IMW.
Die jüngsten Daten zur Anwendung von Thalidomid, Lenalidomid und Bortezomib
werden präsentiert werden, zusammen mit den Resultaten von mehreren randomisierten
Studien, die für die Präsentation beim ASH-Meeting im Dezember 2006 noch nicht vorlagen. Ich bin sehr gespannt auf die Präsentation signifikanter neuer Erkenntnisse und bin zuversichtlich, dass der KOS Workshop uns unserem Ziel näher bringen wird, sowohl das Myelom als auch Waldenstrom's Macroglobulinämie zu heilen.

Editorische Notiz: Dr. Dimopoulos ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlichen Gesellschaften und Autor von mehr als 300 Publikationen in angesehenen wissenschaftlichen Journalen sowie von zahlreichen Kurzberichten für Kongresse und Buchkapiteln. Er ist Reviewer für wichtige medizinische Journale, u.a. für das New England Journal of Medicine, Blood, Journal of Clinical Oncology, Haematologica, Leukemia, Cancer, European Journal of Haematology, and Leukemia & Lymphoma. Dr. Dimopoulos ist Associate Editor des European Journal of Internal Medicine und Current Hematologic Malignancy Reports, und ist Editorial Board Member des Journal of Clinical Oncology und Haematologica. Dr. Dimopoulos ist Mitglied des European Myeloma Network, and Empfänger des “Robert A. Kyle Award for outstanding contributions to Waldenstrom’s macroglobulinemia”.


Dr. DurieWissenschaft&Klinik
BANK ON A CURE® UPDATE
MYELOMA TODAY IM GESPRÄCH MIT DR. BRIAN DURIE

 

Wie sieht der Stand des IMF-Projektes Bank On A Cure® in der ersten Phase aus?

Bank On A Cure® ist der erste DNA-Speicher weltweit, der geschaffen wurde, um
das Myelom besser zu verstehen. Die Anfangsphase dieses Forschungsprojektes, deren
Co-Vorsitzende die Drs. Gareth Morgan (Institut of Cancer Research, Royal Marsden
Hospital, London) und Brian Van Ness (Institut of Human Genetics, University of
Minnesota, Minneapolis) sind, ist abgeschlossen. Wir haben einen myelomspezifischen
Single Nucleotide Polymorphism (SNP) Chip entwickelt. Nachdem der Custom Chip
fertiggestellt war, hat es in den USA und im UK einige Monate gedauert, die Affymetrix Geräte (die den Chip betreiben) aufzustellen und zu standardisieren und um die Techniker mit dem Prozess vertraut zu machen. Zur Zeit werden DNA-Proben, gesammelt aus
großen klinischen Studien in den USA und in Europa, ausgewertet.

Können Sie kurz erklären, was SNPs sind und wie der Custom Chip arbeitet?

Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) sind genetische Variationen in den
DNA-Sequenzen, die beeinflussen können, wie wir Krankheiten entwickeln, wie wir auf Krankheitserreger, Chemikalien und Arzneimittel reagieren. Unsere Affymetrix Geräte haben die Funktion, SNPs zu verarbeiten und auszuwerten. Heute ist es möglich, das menschliche Genom auf eine halbe Million Genvarianten zu untersuchen, was allerdings ein ungeheuer beschwerlicher Prozess ist. Wir meinen daher, dass es viel wirkungsvoller ist, eine kleine Gruppe SNPs zu untersuchen, die höchstwahrscheinlich für das Myelom von größerer Relevanz ist. Um einen effizienten und zielgenauen Ansatz zu haben, hat das "Bank On A Cure" -Forschungsteam geholfen, 3,404 SNPs auszusuchen, die mit Genfunktionen verknüpft sind, die Einfluss auf Myelomwachstum, Krankheitsprogression, das Ansprechen auf Behandlung, Wirkstoffmetabolismus, Knochenmatrix, Immunantworten, DNA-Reparaturmechanismen und Anfälligkeit für Nebenwirkungen wie Neuropathie, Schleimhautschaden oder tiefe Venenthrombose (TVT) haben. Unser Computerchip enthält alle Hauptsequenzen, in denen eine Genveränderung für die Myelomerkrankung ausschlaggebend sein kann.

Können Sie uns ein Beispiel geben für eine bisher aus den Daten gewonnene
Entdeckung?

Eines der "Bank On A Cure" Projekte trachtet danach, genetische Pfade zu finden,
die möglicherweise klären, warum geschätzte 15% bis 30% der Myelompatienten,
die mit Thalidomid behandelt wurden, venöse Thromboembolien (VTE)/ Blutgerinnseln erlitten, eine der hauptsächlichen Komplikationen dieser Behandlung. Wir haben die genetischen Daten von 394 Myelompatienten untersucht, die wir aus drei klinischen Studien bekommen haben - zwei davon in Europa, eine in den USA. Wir haben vier Gen-Cluster identifiziert mit Relevanz für VTE. Es wurde entdeckt, dass das Risiko unter Thalidomid eine VTE zu entwickeln im wesentlichen verknüpft war mit den Genen, die Entzündungen kontrollieren, mit IL6 und TNF als Hauptzytokinen bei der Beeinflussung von Entzündungen in Blutgefäßen. Andere, für die Verwertung und Verstoffwechselung von Arzneistoffen relevante Gene, sind auch mit dem Risiko von VTE in Verbindung gesetzt worden und gleichzeitig auch mit der Schnelligkeit eines Ansprechens auf Behandlung. Wenn ein Patient dramatisch auf Thalidomid anspricht, kann die rasche Freisetzung der Zersetzungsprodukte der sterbenden Myelomzelle ein Blutgerinnsel via Entzündung fördern. Folglich wird ein rascheres Ansprechen auf Thalidomid mit einem höheren Risiko an VTE in Verbindung gebracht. Es ist wichtig zu betonen, dass die VTE mit keinem der Blutgerinnsel-Gene assoziiert werden kann, was die Ansicht unterstützt, dass Aspirin für eine prophylaktische Behandlung der VTE hilfreich ist.

Diese "Bank On A Cure" Forschungsergebnisse wurden beim Jahrestreffen der American
Society for Hematology (ASH) im Dezember 2006 präsentiert, ein Arbeitspapier mit Gareth
Morgan als Senior Autor steht kurz vor der Publikation. Ein Update wird beim Internationalen
Myelom Workshop (IMW) im Juni 2007 präsentiert. Dies wird eine der zwei mündlichen
"Bank On A Cure" Präsentationen beim IMW-Treffen in Griechenland sein.

Worauf fokussiert das zweite Forschungsprojekt, das beim IMW-Treffen präsentiert wird?

Dr.Van Ness arbeitet an einer Studie zur Entwicklung eines Custom SNP Chips, der die Korrelation zu Überleben und Behandlungsergebnis evaluiert. Er sucht nach SNPs, die mit ereignisfreiem Überleben bei Patienten zweier großer klinischer Studien in Verbindung stehen. Die ersten Analysen weisen darauf hin, dass es möglicherweise nachweisbare genetische Differenzen zwischen Kurz-und Lanzeitüberlebenden gibt und somit die Voraussage möglich sein könnte, welche Patienten aggressivere Therapien zu Beginn der Behandlung benötigen. Er vergleicht auch die SNPs von Menschen, die ein Myelom haben mit Vergleichspersonen ohne Myelom.

Können Sie uns über das "Bank On A Cure"-Projekt erzählen, das sie kürzlich
abgeschlossen haben?

Ich suchte nach dem Einfluss von genetischen Variationen bei Knochenerkrankungen
mit dem Fokus auf SNPs, die mit der Wahrscheinlichkeit korrelieren, dass ein
Myelompatient eine Knochenerkrankung bekommt. Wir analysieren Gene korrelierend
mit veschiedenen Endpunkten innerhalb der Datasets von 256 Myelompatienten, die in
Total Therapy II (TTII), einer klinischen Studie der Drs. Bart Barlogie und John Shaugnessy
vom Myeloma Institute for Research and Therapy in Little Rock, AR erfasst waren. Wenn es um das exakte Dokumentieren der Präsenz und Absenz von Knochenerkrankungen geht, ist das TTII Data Set das weltweit überzeugendste, weil alle 256 Patienten Ganzkörper-Röntgen  und MRI plus PET als bildgebende Verfahren - ausgeführt nach Erfordernis- erhalten haben. In dieser "Bank On A Cure"-Studie haben wir einige SNPs gefunden, die mit Knochenerkrankungen in Beziehung stehen, vier davon verbunden mit der Produktion eines Peptids, das die Bildung von Osteoklasten steigert, MIP1-alpha. Die SNP-Datenanalyse ist nun komplett und wir haben damit ein prognostisches Verfahren entwickelt, das abzuschätzen hilft, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Myelompatient eine Knochenerkrankung bekommt. Eine Arbeit dazu ist in Vorbereitung.

Was kommt als nächstes auf die "Bank On A Cure" zu?

Es gibt zahlreiche spannende Forschungsprojekte der "Bank On A Cure"  DNA-Datenbank.
Myeloma Today-Leser können sich auf weitere Entwicklungen freuen, die auch über
unsere wöchentlichen IMF Email-Updates "Myeloma Minute" verbreitet werden, wie auch
über die IMF-Website www.myeloma.org .


Dr. OrlowskiWissenschaft&Klinik
DIE ROLLE VON VELCLADE® PLUS DOXIL® BEI MULTIPLEM MYELOM
Myeloma Today im Gespräch mit Dr. Robert Orlowski

 

Was steht im Fokus Ihrer Forschungsarbeit?

Mein Ansatz zielt darauf, die molekulare Pathogenese von Krebserkrankungen zu verstehen und auch den Wirkungsmechanismus von Chemotherapeutika zu analysieren. Erstgenanntes soll neue zelluläre Zielstrukturen zur therapeutischen Intervention identifizieren, möglicherweise auch zur Krankheitsvorbeugung. Letzteres fördert die Entwicklung intelligenter Kombinationen von Medikamenten mit erhöhter Wirksamkeit und könnte den Einsatz von Chemotherapeutika gezielt bei jenen Patienten erlauben, die mit höchster Wahrscheinlichkeit davon auch profitieren - basierend auf Erkenntnissen über die Biologie der Erkrankung im jeweiligen Fall. Schließlich ist es Ziel, die Erkenntnisse dieser Laboruntersuchungen und vorklinischen Studien in die klinische Praxis zu übertragen und den an multiplem Myelom leidenden Patienten neue effiziente Behandlungsoptionen zu bieten. Die gegenwärtige Forschungsrichtung, die mein Labor und meine klinischen Forschungsgruppen verfolgen, fokussiert auf das Proteasom als Ziel für Krebstherapie und auf Mechanismen, durch die Hemmer dieses Komplexes Apoptose oder programmierten Zelltod induzieren.

Sie sind der leitende Vorsitzende zweier klinischer Studien zu Velcade® plus Doxil®. Was können Sie unseren Lesern über diese beiden Medikamente berichten?

VELCADE (Bortezomib als Injektion) ist für die Behandlung von Myelompatienten indiziert,
die zumindest eine Vortherapie hatten, basierend auf Daten, die für den Einzelwirkstoff
VELCADE Überlebensverlängerung bei Patienten mit vorbehandeltem Myelom zeigen - im Vergleich zu mit Standard Dexamethason behandelten Patienten.

DOXIL (Doxorubicin HCI liposomale Injektion) ist gegenwärtig für die Behandlung von Patienten mit Eierstockkrebs und Kaposi-Sarkom angezeigt. Doxorubicin ist ein etabliertes Chemotherapeutikum, das seit Jahren eingesetzt wird. Bei DOXIL liegt der Wirkstoff in kleinen Lipidpartikeln vor, was zur längeren Verweildauer im Kreislauf führt und damit auch zu einem verlängerten Angriff des Medikamentes gegen Krebszellen. Das verschafft der Substanz auch erhöhte Sicherheit aus der kardiologischen Perspektive, es kann Medikamentenresistenz besser überwinden als einfaches Doxorubicin und erreicht in erhöhtem Maß die Tumorgefäße.

Der Grund, warum wir diese beiden Wirkstoffe vereint haben beruht auf Unterlagen einer Reihe von Forschungsgruppen, dass VELCADE die Antimyelom-Aktivität von Doxorubicin verstärkt sowie aus unserer Gruppe, dass DOXIL die Antitumor-Effizienz von VELCADE verstärkt.

Was können sie uns über die Phase III Studie erzählen, die Sie letzten Dezember beim ASH präsentiert haben?

Wir hatten gerade eine Phase I Studie fertiggestellt, die gezeigt hat, dass eine VELCADE plus DOXIL Kombination gut von Patienten vertragen wurde und es bestand die Ansicht, dass die Kombination wirkungsvoller war als VELCADE allein. Um dies ausführlicher zu testen, planten wir eine randomisierte Studie. Diese internationale Phase III Multicenter-Studie randomisierte 646 relapsierte Myelompatienten, die zumindest eine Vortherapie erhalten hatten. Eine Gruppe erhielt die Standarddosis von VELCADE (1,3mg/m2 an den Tagen 1,4,8 und 11 eines 21-Tage-Zyklus), die andere erhielt die selbe Dosis VELCADE plus DOXIL (30mg/m2 am Tag 4 eines jeden Zyklus), Die zwei Studienarme waren sehr ausgewogen. Im Durchschnitt waren es Patienten, die mindestens drei Jahre vorher diagnostiziert worden waren. Bei fast allen hatte die Behandlung Steroide inkludiert, 90% hatten alkylierende Substanzen erhalten, zwei Drittel Anthrazykline, etwa 40% Thalidomid oder Lenalidomid und über 50% hatten eine vorherige Stammzellen-Transplantation.

Der erste Studien-Zielpunkt war die Zeit bis zur Krankheitsprogression und eine Interim-Analyse wurde geplant, deren Resultat die Basis unseres Berichtes bildete. Eine statistisch hochsignifikante Verbesserung der medianen Zeit bis zur Krankheitsprogression auf 9,3 Monate wurde von Patienten erreicht, die VELCADE plus DOXIL erhielten, im Vergleich zu einer Zeit bis zur Krankheitsprogression von 6,5 Monaten bei VELCADE allein.

In dieser Interimsanalyse kam auch ein Trend eines besseren Überlebens mit der Kombinationstherapie zu Tage. Diese Daten sind noch nicht ausgereift, aber es sind Nachfolgestudien geplant. Mittlerweile ist die wichtigste Botschaft für Patienten mit relapsierter/refraktärer Érkrankung, dass VELCADE plus DOXIL in Kombination eine ausgezeichnete Behandlungsoption darstellt, die ein besseres Ergebnis zu bringen scheint als VELCADE allein.

Ist manchen die Kombination mehr zuträglich als anderen?

Wir untersuchten verschiedene Patienten-Gruppen und fanden, dass praktisch alle von der Kombinationstherapie profitierten. Das betraf jüngere und ältere Patienten, solche die eine Transplantation hatten und solche ohne, Patienten mit zytogenetischen Veränderungen außer Deletion von Chromosom 13, solche die Thalidomid erhalten hatten und/oder Lenalidomid und solche ohne, ebenso wie Patienten mit erhöhtem Beta-2Microglobulin, was üblicherweise ein schlechter prognostischer Befund ist.

Hat dieses von Steroiden freie Regime Vorteile?

Viele Menschen können wegen Diabetes keine Steroide einnehmen oder erleiden oft gravierende Nebenwirkungen unter dieser Medikation. Faktisch habe ich in meiner Praxis mehr Patienten gesehen, die Probleme mit hochdosierten Steroiden hatten, als mit anderen Wirkstoffen, die wir einsetzen. Auch hatten Patienten, die Dexamethason mit entweder Thalidomid oder Lenalidomid einnahmen, ein gehäuftes Auftreten von Blutgerinnseln und Lungenembolie gezeigt und mussten daher eines der Blutverdünnungsmittel nehmen, die selbst wieder mit Risiken einhergehen. VELCADE entweder allein oder mit DOXIL zeigt ein sehr geringes Vorkommen dieser Nebenwirkung - bei 1% - und Patienten brauchen daher keine prophylaktischen Blutverdünnungsmittel.

Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus? 

Oft gibt es, wenn zwei oder mehr Substanzen kombiniert werden, eine Tendenz zu erhöhter Toxizität. Wir konnten vermehrte gastrointestinale Nebenwirkungen beobachten wie Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Es gab auch eine kleine Zunahme in Thrombozytopenie und Neutropenie (niedrige Zahlen von Blutplättchen und weißen Blutkörpern), Blutungen, wie auch Müdigkeit und Anämie. DOXIL kann auch zur Mundschleimhaut-Entzündung führen oder zu offenen Stellen im Mund sowie zum Hand-Fuß-Syndrom, bei dem es zur Rötung an
Hand- und Fußsohlen kommt und in schweren Fällen auch zu Blasenbildung und Fissuren.
Etwa 5% der Patienten erlitten diese Nebenwirkungen, was eine Dosisreduktion von DOXIL notwendig machte oder ein Ende der Behandlung. Wichtig zu vermerken jedoch ist, dass die Kombination von VELCADE plus DOXIL zu keiner erhöhten Inzidenz einer Neuropathie führt
und dass die Rate der Grad 3 oder Grad 4 Neuropathie tatsächlich sogar geringer war mit VELCADE plus TOXIL, als mit VELCADE allein: 4% im Gegensatz zu 9%. Außerdem bestand kein erhöhtes Risiko von kardialen Nebenwirkungen wie Herzversagen mit der Kombination im Vergleich zu VELCADE allein.

Was können Sie uns über die Resultate der Phase II Studie von VELCADE plus DOXIL als Initialtherapie für Patienten mit symptomatischem Myelom berichten?

Da Patienten mit relapsiertem Myelom eher an einer Erkrankung leiden, die mehr resistent gegenüber Behandlung ist, dachten wir, dass VELCADE mit DOXIL besonders aktiv sein könnte als Initialbehandlung – mit dem zusätzlichen Vorteil einer Vermeidung des Einsatzes von Steroiden. Zur Zeit der ASH-Präsentation hatten wir vorläufige Daten über 57 von 63 Patienten, die an dieser Phase II Studie teilgenommen hatten. Die Toxizität war wie wir sie anhand unserer vorherigen Beobachtungen in den Phase I und III Studien erwartet hatten und es wurden keine ungewöhnlichen Probleme beobachtet. Bei den 29 Patienten, die die Behandlung abgeschlossen haben, lag die Rate kompletter Remissionen bei 28 % und die
Gesamtansprechrate bei 78 %. Für eine Zweifachkombination ohne Steroide ist das eine sehr vielversprechende Ansprechrate.

Wie kann man VELCADE plus DOXIL Erstlinientherapie mit anderen VELCADE Kombinationen und anderen oralen Kombinationstherapien vergleichen?

VELCADE wird in mehreren Studien mit Dexamethason kombiniert, wobei diese Kombination als Erstlinientherapie vielversprechende Aktivität zeigt. Außerdem sind sowohl Thalidomid mit Dexamethason als auch Revlimid mit Dexamethason  sehr aktive Induktionstherapien. Unsere Beobachtungsdauer mit dem VELCADE plus DOXIL Regime ist noch immer zu kurz, um einen akkuraten Vergleich mit den anderen mehr etablierten Therapieformen zu gestatten. Allerdings ist die Ansprechrate sehr vielversprechend und die Tatsache, dass eine Stammzellsammlung möglich ist, macht dieses Regime zu einer attraktiven Option für neudiagnostizierte Patienten, die keine Steroide tolerieren oder bei denen Kontraindikationen für Thalidomid oder Lenalidomid bestehen.

Wie steht es mit den relapsierten/refraktären Patienten?

Die guten Nachrichten für den relapsierten/refraktären Patienten sind, dass es jetzt drei Phase III Studien gibt, die über exzellente Behandlungsergebnisse berichten: Lenalidomid plus Dexamethason, VELCADE allein und die VELCADE Kombination. Zusätzliche Analysen dieser Studien sind notwendig, wie auch die Durchführung weiterführender Studien, um Patientengruppen zu identifizieren, die am ehesten von der einen oder der anderen dieser
Behandlungsoptionen profitieren, oder ob es eine optimale Reihenfolge gibt, in der diese Therapien eingesetzt werden sollten. In der Praxis wird wohl jeder Patient jede dieser Therapien zu einem bestimmten Zeitpunkt erhalten und die gute Nachricht ist, dass alle das Überleben verlängern.

Könnten Sie uns etwas über die Patientenfreundlichkeit der oralen vs. intravenösen Therapien erzählen?

Ein Vorteil eines oralen Regimes ist sicher, dass der Patient die Medikation zu Hause nehmen kann, sodass weniger Besuche in der Arztpraxis und im Krankenhaus notwenig sind im Vergleich zu einer intravenösen Medikation. Allerdings muss bei den neuen Kombinationen auch die Notwendigkeit der Behandlungsüberwachung ins Kalkül gezogen werden. Bei der Ersteinstellung auf das Regime Lenalidomid plus Dexamethason bestelle ich die Patienten einmal wöchentlich zu mir, um das Blutbild und den Gerinnungsstatus zu kontrollieren. Die Patienten kommen auch später meist mehrmals im Monat zu mir, womit der Unterschied im Vergleich zu einer Therapie mit VELCADE und DOXIL, wo vier Krankenhausbesuche pro Behandlungszyklus notwendig sind, nicht allzu groß scheint.

Gibt es andere wichtige Punkte in der aktuellen Myelomforschung?

Am letzten Meeting der American Society of Hematology wurden interessante Daten betreffend zwei andere VELCADE basierte Kombinationen für das relapsierte/refraktäre Myelom präsentiert, die sich derzeit in der frühen klinischen Testphase befinden. Diese Kombinationen sind VELCADE mit Revlimid und VELCADE mit dem Heatshock Protein 90 Hemmer Tanespimycin.


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